Betreff: Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise (Phil. 1/18)
Anmerkungen eines „Internetpredigers“ (Anwort auf den Artikel von Hans-Martin Barth, geschickt an das Deutsche Pfarrerblatt)
Mit Interesse habe ich die Beiträge im Pfarrerblatt zum Thema „Internetpredigt“ verfolgt. Nach der Lektüre von Hans-Martin Barths Beitrags „Gegen den Verfall protestantischer Predigtkultur“(Pfarrerblatt Nr. 5/2009, S. 265), dem ich leider in (fast) allen Punkten Recht geben muss, sind diese Zeilen auch dem schlechten Gewissen geschuldet, an einem Elend unserer Kirche mitschuldig zu sein. Ich stelle meine Predigten seit Jahren ins Internet (kanzelgruss.de, dekanat-hof.de).
Warum kommt ein Pfarrer auf die Idee, seine Predigten ins Internet zu stellen? Als ich vor einigen Jahren mit der Erstellung eines Internetauftritts für unser Dekanat beauftragt wurde, fand ich es nicht ausreichend, christliche Gemeinde als Organisation zu präsentieren. Wenn sie schon im Internet zu finden ist, muss auch ihre Botschaft zu finden sein. Um dieser Botschaft willen ist die Kirche auch im Internet interessant. Die Predigtseite gehört zu den fünf am häufigsten besuchten Seiten im Dekanatsweb. Und die vielen Klicks, die kanzelgruss.de verzeichnet, sind nicht allein damit zu erklären, dass gestresste PfarrerInnen am Samstag Abend noch etwas Brauchbares für den Sonntag suchen.
Von Gemeindegliedern kommt die Rückmeldung, dass sie es schätzen, die im Gottesdienst gehörte Predigt noch einmal nachlesen und seit einiger Zeit auch nachhören zu können. Eine Predigt im Internet kann ohne viel Mühe weitergeschickt werden. Auch das geschieht. Und schließlich gibt es die, die am Sonntag Vormittag im Gottesdienst sind, weil sie die Predigt schon am Samstag Abend im Internet gelesen haben. Sie möchten sie im Gottesdienst hören und erleben. Keine Frage: Die Internet(hör)predigt ist keine Ersatz für die erlebte Predigt im Gottesdienst. Sie ist Zugabe: „Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise.“ Und natürlich ist es ein Ansporn für die eigene Arbeit, wenn Lektoren oder Prädikanten rückmelden, dass sie mit meiner Predigt glücklicher waren, als mit der Lesepredigt der Landeskirche.
Tatsächlich spielen Internetpredigten bei meiner eigenen Predigtvorbereitung überhaupt keine Rolle. Erst wenn die Predigt eingestellt ist, interessiert mich, was KollegInnen geschrieben haben.
Der Prozentsatz der PfarrerInnen, die Predigten ins Internet stellen ist m.E. sehr gering. Auch im eigenen Dekanat habe ich KollegInnen mit wenig Erfolg dazu ermuntert. Dies wirft nun in der Tat Fragen danach auf, warum das so ist:
- Liegt eine ausformulierte Predigt, die nach homiletischem Handwerk die Vorstufe auch der frei gehaltenen Predigt sein sollte, gar nicht vor?
- Liegt keine eigene Predigt vor?
- Liegt keine Predigt zum OP-Text des Sonntags vor?
Inzwischen gibt es große Predigtverbünde, in denen die PfarrerInnen mit einer Predigt fünf Wochen lang auf Tournee sind. Man muss dann Glück haben, wenn die dargebotene Predigt überhaupt noch einen Sitz in der aktuellen Kirchenjahreszeit hat. Ein Dekan hat das einmal vor versammelter Mannschaft einen „ökonomischen Umgang mit Predigt- und Predigerressourcen“ genannt. Da muss sich auch der Kollege gelobt fühlen, der sich - mangels grundlegender PC-Kenntnisse - am Samstag Abend verschiedene Internetpredigten ausdruckt, die ausgeschnittenen Abschnitte phantasievoll zusammenklebt und dies auch noch stolz weitererzählt.
Dies zeigt m.E. in beklemmender Weise, wie das Gift ökonomischer Ideologie inzwischen in das Allerheiligste der evangelischen Kirche eingedrungen ist. Es muss die Frage erlaubt sein, welchen Stellenwert das „Wortamt Jesu Christi“ nicht nur in den Strategiepapieren der Kirchenleitungen, sondern in unserer gesamten Kirche überhaupt noch hat. Polemisch gefragt: Wäre es nicht im Sinne eines besseren „Themenmanagements“ („Kirche der Freiheit“, S. 85), wenn in Zukunft die PfarrerInnen die - teilweise unsäglich auf die kirchenpolitische Botschaft frisierten - Predigten der Kirchenoberen im Internet am Sonntag auf der Kanzel verlesen würden? „So kann das Plagiat auf der Kanzel zur Qualitätssicherung der EKD beitragen!?“ (Peter Schaal-Ahlers, Pfarrerblatt Nr. 7/2008)
Hans-Martin Barth ermuntert zurecht dazu, der eigenen Predigtarbeit wieder Priorität einzuräumen und sich für diese Arbeit wirklich Zeit zu nehmen. Aber ist der Eindruck wirklich falsch, dass die PfarrerInnen dies inzwischen im Widerstand gegen die Erwartungen ihrer Kirchenleitungen tun müssen? Diese verordnen ihren „Außendienstmitarbeiter“ neben der Arbeit „Spiritualität“ und geben damit offen zu, dass die Arbeit der Geistlichen heute offenbar damit nicht mehr viel zu tun hat.
Schon wahr: Mit der Übernahme einer fremden Predigt, die ja nicht nur im Internet angeboten wird, kann man sich im Pfarramt einen besonders fetten Batzen Freizeit ergattern. Es ist aber grundsätzlich etwas faul, wenn das notwendig wird. Deshalb wäre ich mit Begriffen wie Bedienungsmentalität und Faulheit in diesem Zusammenhang vorsichtig. Dahinter steckt oftmals eine echte Not. Abhilfe kann nur geschaffen werden, wenn die Ausübung des geistlichen Amtes wieder als geistliches Leben begriffen wird. Wo könnte man das besser exemplifizieren, als an der Predigtarbeit? Gerade der schwierige Text, der dann doch noch zu einer Predigt führt, lässt keinen leer zurück. Und wo lägen denn größere Wachtumspotentiale für den Theologen, als in der regelmäßigen Predigtarbeit? Dazu muss freilich die Sonntagspredigt als das Besondere der evangelischen Kirche wieder die Hochschätzung erfahren, die sie verdient. Es muss ihrer Abwertung auch durch eine ins Kraut geschossene „Eventkultur“ gewehrt werden, in der man nur noch durch den „besonderen“ (Zielgruppen)Gottesdienst punkten kann.
Pfarrer Johannes Taig
PS: Dass man als Prediger im Internet zitiert wird, ist erwünscht. Dass dies dann auch kenntlich gemacht wird ebenso. Ansonsten gilt Regel 10 meiner
24 goldenen Regeln.
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mal editiert, das letzte Mal am 06.06.2009, 12:06 von Johannes Taig.