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Agende : Verkündigung : Predigt

4. Sonntag nach Trinitatis

Die ungleichen Brüder - Perspektivwechsel
Predigttext: Gen 50,15-21
PredigerIn: Pfarrer Helmuth Bautz
Ort: Kgm. Bad Staffelstein und Herreth
Predigtjahr: 2011

[15] Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. [16] Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: [17] So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. [18] Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. [19] Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? [20] Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. [21] So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Liebe Gemeinde!
Vor einigen Tagen las ich eine Schlagzeile im Internet: „Dallas: Zurück auf der Southfork-Ranch - Die erfolgreichste amerikanische Fernsehserie der 1980er-Jahre geht weiter.“ (http://www.abendblatt.de/vermischtes/article1958091/Dallas-Zurueck-auf-der-Southfork-Ranch.html)
Vielleicht erinnern sich die über 40jährigen unter uns an die beiden ungleichen Brüder J.R. Ewing und Bobby Ewing. Sie kehren nun mit ihren Filmnachkommen auf den Bildschirm zurück. Es wird wieder um Öl gehen, um Macht und Besitz, um Eifersucht, Betrug, Liebe und Hass.

Warum erzähl ich das? - Weil es ein uraltes Motiv ist, das die Menschheit schon immer umtrieb. Das Motiv der ungleichen Brüder oder ungleichen Schwestern. Denken Sie an die Welt der Märchen, wie z.B. Aschenputtel. Oder denken Sie an Kain und Abel, den ersten Brudermord der Menschheitsgeschichte.

Auch in den Vätergeschichten im ersten Buch Mose finden wir alles, für so eine Familien-Saga: Vor allem in der Geschichte von Josef und seinen Brüdern geht es um Neid und Eifersucht, um Land und Besitz. Es geht um Betrug und Sehnsucht, um Verrat und Versöhnung. Es geht um die Sorge um das Erbe und um die Frage, wie es weiter gehen soll, als die Familiendynastie zu zerbrechen droht.

Unser heutiger Predigttext schließt diese Familiensaga ab. Wie wird es am Ende ausgehen? Endgültiger Bruch oder doch ein versöhnter Weg in die Zukunft, den alle gehen können?

Doch bevor wir uns das Ende ansehen, sollten wir uns noch einmal kurz im Zeitraffer die Geschichte von Josef und seinen Brüdern vergegenwärtigen:

Mit ihrem gemeinsamen Vater - Jakob - fing alles an: Als junger Mann verliebte der sich in die jüngere von zwei Schwestern. Doch sein künftiger Schwiegervater machte zur Bedingung, dass er zuerst die älter Schwester Lea heiraten müsste, bevor er sieben Jahre später schließlich auch seine geliebte Rahel bekäme.
Die beiden Schwestern veranstalteten daraufhin so etwas wie einen Wettkampf im Kinderkriegen, in welchen sie nach damaliger Sitte auch ihre Mägde mit einbezogen. Am Ende hatte dann Jakob zwölf Söhne von vier verschiedenen Frauen, ganz zuletzt erst von seiner Lieblingsfrau Rahel die Söhne Josef und Benjamin, bei dessen Geburt sie starb.

Josef wurde Jakobs Liebling und von ihm, seinem Vater, stark bevorzugt. Und Josef hatte Träume in denen er sich über seine Brüder königlich erhoben sah. Vielleicht die typischen Phantasien eines Spätgeborenen? Jeden Morgen erzählte Josef seinem Vater und seinen Brüdern jedenfalls genüsslich von diesen Träumen.
Seine Brüder waren verstimmt und neidisch auf ihn.

Schließlich entführten sie ihn und warfen ihn in eine ausgetrocknete Zisterne und sorgten unter dubiosen Umständen dafür, dass er auf den Sklavenmarkt in Ägypten von einem Hofbeamten des Pharaos gekauft wurde.

Josefs Wege gestalteten sich nun sehr wechselhaft. Ein paar mal wäre er schon in Ägypten umgekommen. Doch immer wieder wurde er bewahrt. Schließlich machte er in Ägypten sogar Karriere. Er wurde zum Wesir des Pharaos und rettete das Land am Nil vor einer Hungersnot.

Von dieser Hungersnot, wurde auch Palästina befallen. Um nicht zu sterben, mussten die Brüder Josefs nun nach Ägypten kommen und um Getreide betteln, doch sie hatten keine Ahnung, dass ihr jüngerer Bruder überhaupt noch lebte.
Nach einigem hin und her gibt sich Josef schließlich seinen Brüdern zu erkennen. Sie feierten ein Wiedersehensfest und holten ihren gemeinsamen Vater Jakob dazu. Der war mittlerweile schon alt und freute sich, dass die Familie wieder zueinander gefunden hatte. Er wollte wieder gut machen, was er als junger Vater vielleicht falsch gemacht hatte, und gab schließlich allen seinen Söhnen einen persönlichen wertvollen Segen und Erbteil.

Als Jakob schließlich starb, hatten Josefs Brüder Sorge, wie es nun weiter gehen würde. Würde Josef sich nun doch noch rächen und seine Macht als Wesir des Pharao nutzen, um sie zu vernichten?

Hier setzt nun unser Predigttext ein:

(TEXTLESUNG)

Diese Geschichte, liebe Gemeinde, ist eine der längsten Erzählzyklen im Alten Testament und ich finde es sehr erstaunlich, was dem Josef da alles widerfährt. Sein Leben ist ein einziges Auf und Ab und oft befindet er sich am Rande des Todes. Und obwohl man automatisch mit diesem Josef mitfiebert, ist meine Sympathie nur teilweise mit ihm.
Als Kind im Kindergottesdienst konnte ich gut mitfühlen, wie es so ist, als kleiner Träumer von seiner Familie nicht richtig verstanden zu werden.
Aber heute, wo ich älter bin, kann ich auch seine älteren Brüder besser verstehen:
Warum muss er sich mit seinen Träumen so aufplustern und sie vor allen auch noch erzählen: wie Getreidegarben, auch Sonne, Mond und Sterne sich vor ihm verbeugten? War die Eifersucht der älteren Brüder auf den verhätschelten Kleinen nicht verständlich? Schließlich sehnten sie sich doch auch nach Liebe und Zuneigung des Vaters. Da ist es doch nachempfindbar, dass die, die früher auf dem kleinen Nachzögling aufpassen mussten, die schon früh hart arbeiten und mithelfen mussten, sich an diesem verzogenen Tagträumer ärgerten - ja ihn manchmal sogar hassten.

Indem ich die Gefühle der älteren Brüder nachempfinde, merke ich den großen Unterschied zu den Kindermärchen, die dieses Motiv bearbeiten. Dort ist klar zwischen „gut“ und „böse“ unterscheidbar, zwischen schwarz und weiß, zwischen Aschenputtel und Stiefschwestern, aber hier, in der Josefsgeschichte, entdecke ich mich in beiden Seiten wieder und beide Seiten stehen einander nicht gegenüber, sondern beide bedürfen der Vergebung. Beide Seiten haben einander weh getan, beide Seiten sind aneinander schuldig geworden. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“, heißt es im Vater unser - wie lebensnah ist doch dieses Gebet, wie lebensnah ist doch diese Josefsgeschichte!

So entsteht eine Solidargemeinschaft derer, die der Vergebung bedürfen - Vergebung nicht zuerst von einander, sondern zuerst von Gott!
Josef hat das verstanden: „Seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“
Beide Seiten stehen unter der vergebenden Liebe Gottes. Und so begegnen sich beide Seiten erstmals wieder auf Augenhöhe!

Ein weiterer Aspekt ist mir wichtig geworden, nämlich Gott lässt den Menschen die Freiheit. Er lässt sogar Hass, Eifersucht, Zorn und Intrigen zu - und doch baut Gott daraus den Weg seiner Verheißung. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen,“ sagt Josef. „Gott kann auch auf krummen Linien seine Heilsgeschichte gerade schreiben “ - Gott schenkt immer wieder Chancen zum Neuanfang, immer wieder Chancen zur Versöhnung. Und jetzt, da beide Seiten so voreinander stehen, tun sie es aus freien Stücken. Das ist Gottes Einladung - auch an dich und an mich: Willst du die Chance zur Versöhnung ergreifen? - oder sie verstreichen lassen!

Ein nächster Gedanke fällt mir ein. Versöhnung ist kostbarer als „Rechthaberei“. Versöhnung kommt von „Sühne“ (von ahd. suona = Gerichtsverhandlung, Friedensschluss). Das heißt für mich zum einen: es muss klar aufgedeckt und angesprochen, werden, was falsch gelaufen ist, was verletzt hat und gekränkt. Aber beide stehen unter dem Gebot der Sühne! - kein einseitiges Rechthabenwollen!
Der lateinische Begriff für Versöhnung ist: „Reconciliatio“ : Erneute Beratung, Abgleichen, Schlichtung, - d.h.: den Anderen wieder wahrnehmen - ihm eine neue Chance geben. Ihn nicht auf die Jahre lang konservierten Vorurteile festnageln, sondern sich bemühen, die Gedankengänge des anderen einmal unvoreingenommen nachzuvollziehen, ihn wirklich neu zu verstehen versuchen!
In Hegels Philosophie ist mit Versöhnung die Vermittlung gemeint, die am Ende die Widersprüche in einer Synthese aufhebt. Eine Einheit wird hergestellt. Nicht eine Gleichschaltung, sondern eine Einheit in versöhnter Verschiedenheit!

Damit geschieht ein Perspektivwechsel: „Du, als kleiner Bruder, versetze dich doch einmal in die Sicht deines großen Bruders hinein: welche Sorgen hat er, welche Sehnsüchte, welche Verantwortung, welche Ängste. Und du als großer Bruder - tu das auch bei deinem kleinen Bruder, der mittlerweile auch erwachsen geworden ist! Auch er hat mittlerweile Sorgen und Sehnsüchte, Verantwortung und Ängste.

Und das gilt nicht nur zwischen Geschwistern, sondern auch zwischen Eltern und Kindern, Männern und Frauen, Nachbarn und Freunden.

Zum Schluss kommt mir noch ein Gedanke, nämlich der Schluss der Geschichte: Bei Josef und seinen Brüdern ging es gut aus - aber wie wird es bei meiner Geschichte ausgehen? Unsere Zeit ist begrenzte Zeit! Da, wo Dinge noch offen sind, werde ich da den Mut haben, sie zu klären und zwar noch rechtzeitig? - Oder lasse ich die Zeit für mich handeln und stehe dann irgendwann einmal an einem Grabstein und die Chance zur Aussprache zur Klärung ist unwiederbringlich vorbei?
Also: Worauf wartest du? - Du sagst dir: „Es hat ja doch alles keinen Wert! Die Gräben sind zu tief! Der versteht mich ja doch nicht!“ Aber vielleicht verbirgt sich dahinter nur deine Angst? Es gehört Mut dazu, denn keiner weiß, wie es ausgeht. Versöhnung ist ein offener Prozess. Aber es ist an der Zeit, den ersten Schritt zu tun, den ersten Schritt zur Versöhnung.
Und so endet schließlich Josefs Familiensaga mit den passenden Worten: „So fürchtet euch nun nicht. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“ - Amen.

(Liedvorschlag: "Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen")

(Frau Pastorin Anja Lünert danke ich für die Gedanken zur Familien-Saga. Herrn Lektor Carsten Schaefer danke ich für die gute Zusammenfassung der Josefsgeschichte)